Ausgabe 46

Liebe Freundinnen, liebe Freunde! »Achtung«, so heißt der Titel von unserem neuen brennstoff. »Achtung! Achtung!« – das waren die ersten Worte, die Ildiko Babos auf Deutsch lernte. Denn so begannen alle Lautsprecherdurchsagen im Flüchtlingslager. Ildiko kam als 12-jähriges Flüchtlingskind nach Österreich, nachdem ihre Familie vom Ceausescu Regime aus Rumänien hinausgeschmissen wurde. Mit ihrer alten Heimat verlor sie fast alles; sie war eine gute Schülerin, hatte viele Freunde und war als junge Geigerin der Stolz ihrer Schule. Nach gelungener Flucht musste sie in Österreich fast alles von vorn beginnen. Schließlich machte sie die Matura in Wien und nach einigen Umwegen (»Umwege erhöhen die Ortskenntnisse«) wurde sie Schauspielerin.

Ich lernte Ildiko Babos hier bei uns im Waldviertel kennen. (Ich sage oft »hier ist das Zentrum Mitteleuropas«). Wir haben hier ein sensationell gutes Theater. Das Waldviertler Hoftheater. Dort spielte Ildiko das Ein-Personen-Stück »Shirley Valentine«. Im Leben dieser Shirley lief eigentlich alles ziemlich gut. Eine schöne Wohnung, ein erfolgreicher Mann, die Kinder gesund, beide mit einer guten Ausbildung und schon ausgezogen… Alles, wie man es sich wünscht. Wenn ihr Mann nach der Arbeit pünktlich nach Hause kommt, dann muss alles passen. Wehe, das Essen ist dann nicht fertig. Nun? Sie hat alles und ist doch nicht zufrieden. Sie fängt an, sich zu fragen, warum sie diese kleine Pflicht so nervt. Und doch ist es diese Kleinigkeit, an der sich die Frage aller Fragen anhängt: Ist das das Leben? Ist das schon alles?

Ildiko spielte diese Rolle, als ginge es um ihr eigenes Leben. Sie sagt: »Achtung! Die meisten sind schon tot, bevor sie sterben.« Mit »Shirley Valentine« will sie uns allen laut zurufen: »Achtung, Achtung, Freunde! Es geht ums Leben. Um deines. Um meines. Hier und Jetzt«. Ich denke, so soll Theater sein. Wenn Theater gelingen soll, dann müssen alle spüren, dass es nicht ums Theater geht, sondern ums Leben. Vor einigen Monaten habe ich einen schönen Text vom islamischen Mystiker Rumi auswendig gelernt (siehe rechts in der Spalte). Ich finde, er passt super. Schon einmal habe ich in einem Weihnachtsheft den Tipp gegeben, Gedichte auswendig zu lernen. Denn es ist gut, sie inwendig zu haben. Quasi als wertvolles Reisegepäck. Außerdem kann man Gedichte gut verschenken. Sie sagen oft mehr als teure Geschenke.

Das meint im Ernst,

Heini Staudinger

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 46

2 Minuten

Kommentar Moreau

Achtung!

3 Minuten

Essai Martin Schenk

Achtung!

3 Minuten

Buchauszug Martin Schenk

Parlament der Unsichtbaren

3 Minuten

Buchrezension Fred Luks

Populismus: Brot und Wortspiele

4 Minuten

Buchauszug Fabian Scheidler

Außer Kontrolle

2 Minuten

Buchauszug Sir Ken Robinson

Das Element

5 Minuten

Essai Ute Karin Höllrigl

Achtsamkeit in Dichtung und Traum für ein Menschwerden

4 Minuten

Buchauszug Erich Fromm

Die Wahrheit sich und anderen zumuten

2 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Wie du dir - so ich mir!

5 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika - in inniger Verbundenheit

3 Minuten

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