Die unheimliche Nähe des Geldes

Der Versuch, die wiederkehrenden Krisen der Finanz­wirtschaft durch einen äußeren Rahmen in den Griff zu bekommen, ist immer wieder gescheitert. Es gibt dafü̈r einen tiefer liegenden Grund: Die Denkformen, in denen man Geldprozesse beherrschen und berechnen möchte, entstammen selbst dem Geldverkehr. Geld herrscht ü̈ber Menschen, ist seinem Wesen nach aber unbeherrscht und maßlos.

Das Geld ist uns darin viel näher als wir ahnen. Das aufgeklärte Subjekt der Moderne verdankt sich dem Geldverkehr. Geld ist eine Denkform, kein Ding, keine feste Größe, die man statisch erfassen könnte. Die wirksame Geldmenge hängt ab von den Erwartungen der Marktteilnehmer, die ihre Geldbestände im Takt ihrer Ängste und Hoffnungen festhalten oder ausgeben. Der tägliche Kredit verändert unaufhörlich die wirksame Geldmenge. Zwar können Zentralbanken das Geldvolumen ausweiten; seine Verwendung – fü̈r reale Investitionen oder nur zur Spekulation an Ak­tien- und Rohstoffmärkten – lässt sich nicht steuern. Faktisch diente die immense globale Geldexpansion allerdings vor allem dem Spekulationsbedü̈rfnis und fü̈hrte zur Emanzipation des globalen Finanzsektors von der ü̈brigen Wirtschaft, die sich in wiederkehrenden Krisen offenbart.

Die Fixierung der Aufmerksamkeit auf den global aufgehäuften Schuldenberg verhindert allerdings einen tieferen Blick darauf, wie das Geld tatsächlich die Lebenswelt der Menschen beherrscht. Die Krise der Währungen, der Banken mit ihren horrenden Schulden ist nur die Spitze eines Eisbergs, der Vorschein einer fundamentalen Krise des Geldes selbst.

Die Geldverwendung ist ein paradoxer Prozess. Einer­seits verknü̈pft die Geldrechnung weit entfernte Märk­te und Kulturen zu einer globalen Ökonomie. An­derer­seits führt diese Vergesellschaftung über das Geld zu einer radikalen Individualisierung des Lebens. Jeder ist sein eigener Unternehmer, umzäunt von Eigen­tums­grenzen und mit anderen nur durch Kauf und Verkauf verbunden. Ökonomen wie Ludwig von Mises betrachten überhaupt alle menschlichen Handlungen als bloßen Tausch. Diese Ideologie der radikalen Zerteilung der Gesellschaft in Atome, die nur durch das Geld verknü̈pft sind, ist aber keineswegs nur ein dunkles Ideal des Neoliberalismus. Was hier Ökonomen als Modell kons­truiert haben, drü̈ckt eine grundlegende Tendenz in der realen Wirtschaft aus. Geld löst alte Gemein­schaf­ten auf, zerreißt die Bande mit der Natur und setzt moralisch-politische Schranken der Märkte außer Kraft. Individuen und Organisationen werden zur Kos­ten­­rech­nung genötigt und auf eine Überschuss­rech­nung programmiert. Dies gilt fü̈r den bü̈rgerlichen Ehe­­ver­trag, Kirchen, Hochschulen oder Vereine ebenso wie fü̈r globale Konzerne oder Banken.

Doch die Spur des Geldes reicht noch tiefer – und nur ein Blick auf die gesamte Struktur der durch das Geld organisierten Gesellschaft kann das Ausmaß der ge­gen­wärtigen Krise erfassen. Die frü̈hen Gesell­schaften beruhten auf Formen der Sprache – demokratische Versammlungen, Theokratien, hierarchische Sys­teme von Befehl und Gehorsam usw. In diese For­men bettete sich in den vergangenen 2500 Jahren durch den wachsenden Geldverkehr eine ganz andere, neue Weise des Umgangs der Menschen untereinander ein. Wer über das Geld mit anderen verkehrt, der wird ei­nerseits zum isolierten Eigentü̈mer, andererseits zum rechnenden Subjekt. Dem Geldverkehr entstammt die mo­derne Mathematik und Naturwissenschaft.

Die Kauf­leute, die mehr und mehr dazu ü̈bergingen, die Her­stellung der von ihnen vertriebenen Waren selbst zu organisieren, unterwarfen die Herstellungs­prozesse einer rigorosen Kostenrechnung. Dieses Kal­kü̈l, das Leistungen und Ertrag berechnend ins Ver­hält­nis setzt, wurde schließlich zum mathematischen Naturver­ständ­nis. Zwischen Mensch und Natur trat die Technik, die ihrerseits als Produkt berechnenden Den­kens eine völlig neue Form der Vernunft etablierte: die Ratio. Was philosophisch und politisch als Aufklärung erschien, war in ihrem innersten Kern eine Durch­set­zung der Geldrechnung, der Rationalisierung der ganzen Gesell­schaft.

Nicht nur die äußere Natur wird seither im engen kognitiven Fenster der Zahl wahrgenommen. Auch das Subjekt selbst wandelte sich zum Geldsubjekt. Das Geld vermittelt arbeitsteilige Bedü̈rfnisse und Leis­tun­gen als ein Prozess. Es funktioniert nur, wenn es be­ständig ausgegeben wird. Jeder vermindert durch Käu­fe periodisch seinen Geldbesitz; ohne Geld kein Markt­zutritt. Deshalb ist Geld eine Marktzutrittsschranke. Und um diese Hü̈rde zu überspringen, wird das Streben nach Geld als Eintrittskarte fü̈r die Märkte zu einer universellen Handlung. Die Geldgier und ihre Insti­tutionalisierung im Zins grü̈nden darin. Die Geldgier ist nicht einfach psychologisch zu erklären, auch wenn sie zu einer »Geisteskrankheit« (Keynes) werden kann. Sie geht objektiv immer wieder aus dem Geldverkehr hervor und kann deshalb kaum durch einen äußeren Rahmen gebändigt werden.

Oder wie Adam Smith sagte: »Alles Geld ist Glaubenssache.«

 

Stets war die Geldgier kreativ genug, vom Zinsverbot bis zu Kapitalmarktkontrollen, politische und moralische Spielregeln durch immer neue Tricks zu umgehen. Das Geld ist zu einer Subjektform geworden und kann ohne eine grundlegende Reform des Denkens selbst in seiner Herrschaft kaum begrenzt werden. Das rationale, rechnende Ego versucht nicht nur die äußere Natur zu beherrschen, auch die innere Natur der Ge­fü̈hle, Triebe, des Unbewussten wurde im Zuge der Modernisierung einer berechnenden Kontrolle unterworfen. Schon kleine Kinder werden so auf Markt­fähigkeit trainiert – zu schweigen von Schulen und Hochschulen, die das Wissen in Bildungshäppchen, versehen mit Noten oder Punkten, verwandelt haben. Wer sich solcher Programmierung auf Markttaug­lich­keit verweigert, scheitert an der Zutrittsschranke des Arbeitsmarktes. Wer nicht die rechnende Abstraktion des Geldes an sich vollzieht, gilt als »unberechenbar« und »irrational«.

Nun hat spätestens die Psychoanalyse die Illusion ei­nes rationalen Egos aufgedeckt, was als eine der Krän­kungen der Moderne empfunden wurde. Menschen lassen sich nicht auf Rechenautomaten, auf – wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Lucas sagt – »Ro­boterimitationen« reduzieren. Die innere Rebellion da­gegen zeigt sich im Burnout, im Stress, in vielen seelischen oder psychosomatischen Erkrankungen. Die innere Natur ist nicht rational, also zahlförmig. Trotz dieser Erkenntnis der Psychologie organisiert die Geld­ökonomie gleichwohl weiter immer tiefere Eingriffe in die menschliche Natur durch Genetik und Hirnfor­schung. Im Neuromarketing soll das rebellische Unbe­wusste sogar direkt mit Marktstrukturen verknü̈pft werden. Und dort, wo sich ein ganz anderes menschliches Wesen offenbart, in Kunst und Kreativität, er­folgt ein berechnender Zugriff: Kunst wurde einfach zur Ware. So sind Muße und freie Zeit längst zu einem lukrativen Freizeitmarkt geworden.

Der berechnende Zugriff, den die Geldverwen­dung täglich reproduziert, gilt jedoch nicht nur der inneren, sie gilt vor allem der äußeren Natur. Als Leo­nardo Pisano in seinem 1202 erschienen Liber Abaci die mo­derne Mathematik aus der Erfahrung der kaufmännischen Rechnung begrü̈ndete, wurde gleichzeitig der Grundstein gelegt für den berechnenden Zugriff auf die Natur. Der Erfolg der modernen Naturwissen­schaf­ten steht gänzlich außer Frage. Ihre Erfolgsstory verläuft parallel zum exponentiellen Wirtschafts­wachs­­tum, das, durch die Geldgier befeuert, auf Innovatio­nen beruht und mit jedem Gewinn neues Wachstum generiert. Naturwissenschaftliche Kreativität und For­schungsfinanzierung sind indes nicht nur äußerlich verknü̈pft. Tatsächlich besitzt nahezu alle moderne Forschung – nur einige Geisteswissenschaften leisten hier noch Widerstand – eine formal-mathematische Struktur. Die soziale Form der Geldrechnung be­grü̈n­det auch den Blick auf die Natur. Seit dem ausklingenden Mittelalter haben die Wissenschaften eine Bril­le der Zahlförmigkeit aufgesetzt. Was von der Natur in diesem engen kognitiven Fenster erfasst wird, ist wahr relativ zum damit verbundenen technischen Zu­griff. Doch die Natur ist noch anders als das, was durch die mathematische Brille erscheint. Dieses An­dere zeigt sich immer dann, wenn die Rechnungen versagen. Wir haben in der Technik Natur in die Mitte unserer Lebenswelt geholt, stets hoffend, dies auch rechnend beherrschen zu können. Was sich in Fuku­shima, in ökologischen Krisen, beim Klimawandel oder dem Artensterben zeigt, ist aber eine ganz andere und durchaus unberechenbare Seite der Natur.

Das Geld war zunächst nur ein Medium, die Ar­beits- und Bedü̈rfnisteilung zu vergesellschaften. Es hat sich in andere Vernunftsformen als berechnendes Denken eingenistet und beherrscht seit der Aufklärung schrittweise alle menschlichen und nichtmenschlichen Le­bens­welten. Was sich in der Finanzkrise als Unmög­lichkeit zeigt, die vielfältige Vernetzung individualisierter und durch Eigentumsgrenzen atomisierter Rech­nungen ihrerseits zu berechnen – wie die Finanz­markt­­theorie –, das ist nur ein Symptom einer viel tieferen Krise der Ratio. Sie offenbart sich in Naturkatas­tro­phen ebenso wie in wachsenden Problemen der Men­schen, die Zumutungen der Märkte zu ertragen. Die Größe des Problems verlangt langfristig eine große Lösung: Eine grundlegende Reform des Denkens, durch das menschliche Gemeinschaften ohne Berech­nung und mit Respekt vor der inneren und äußeren Natur die irrlichternde Ratio bändigen. Solange Re­formen nur vom Geldsubjekt initiiert sind, werden Kri­sen nur die Kleider wechseln und in Art und Umfang zunehmen.

 

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 49

3 Minuten

Protestkunst Brennstoff

1000 GESTALTEN – legt eure Panzer ab!

1 Minute

Essai Ursula Baatz

Gott Mammon oder Kapitalismus als Religion

3 Minuten

Essai Götz Eisenberg

Das Geld und die Seele des heutigen Menschen

9 Minuten

Lyrik Basilius der Große

Rede an die Reichen

1 Minute

Essai Fabian Scheidler

Tribut

6 Minuten

Buchauszug Urs Widmer

Midas

2 Minuten

Essai Karl-Heinz Brodbeck

Die unheimliche Nähe des Geldes

6 Minuten

Rede Gregor Gysi

Der Prophet

9 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Der Mammon zieht um – die Ungleichheit bleibt

4 Minuten

Short Cuts Ernst Alexander Rauter

Die Macher

3 Minuten

Interview Ulrich Brand und Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Gespräch)

3 Minuten

Buchrezension Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Buch)

4 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Freie Menschen statt »freier« Markt

3 Minuten

Afrika-Projekte Heini Staudinger und Bernhard Wagenknecht

Books for Trees

3 Minuten

Buchauszug Walter Ötsch und Nina Horaczek

Populismus für Anfänger

2 Minuten

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