Die Macher

Sieben Miniaturen

I
Märchen

Die russische Fassung eines Märchens beginnt damit: Ein reicher Mann und ein armer Mann waren zusammen unterwegs. Der Reiche besaß einen Wallach, der Arme eine Stute. Eines Nachts warf die Stute ein Fohlen. Das Fohlen rollte unter den Wagen des Reichen. Der Reiche sagte zum Armen, der Wagen habe das Fohlen geworfen.

II
Die Macher

Mit der allgegenwärtigen Informationsmaschinerie und dem Einfluss der Schulen auf die ungeschützten Gehirne der minderjährigen Bevölkerung kann man auch kluge Menschen so täuschen, dass sie ihr eigenes Todesurteil bejubeln.

Viele Arbeiter sagen zum Beispiel »Das Geld arbeite«, obwohl nicht das Geld arbeitet, sondern sie. Arbeiter oder Angestellte sprechen nach, was sie gehört haben. Woher haben sie diesen Gedanken, der die Welt auf den Kopf stellt? Die Wirtschaftslehrer an den Schulen und Hochschulen behaupten dasselbe seit vielen Jahr­zehnten. Sie sagen, der Boden, das Kapital und die Ar­beit seien »Produktionsfaktoren« (»Macher«). Das Kapi­tal macht nichts, der Boden macht nichts, die »Arbeit« macht nichts.

Die Arbeiter machen, die Angestellten machen, manche Unternehmer machen.

Was könnte der Grund sein für die Zählebigkeit solcher Verdrehungen? Der Grund könnte in der Wirkung liegen. Die Wirkung dieser Darstellung der Produktion ist, dass Arbeiter und Angestellte das Kapital bei der Produktion für wichtiger halten als sich selbst, obwohl sie das Kapital machen. Diese Bescheidenheit ist die Wirkung. Sie ist eine Eigenschaft von Untertanen.

III
Gesetze

Gesetze werden gemacht von Menschen. Niemand macht ein Gesetz gegen sich selbst. Wer nicht reicher ist als die anderen, kommt nicht auf den Ge­danken zu sagen »Du sollst nicht stehlen«. Erst macht der Reiche durch seinen Besitz den Dieb, dann macht er ein Gesetz gegen Diebe. Erst wer die anderen bestohlen hat fürchtet den Diebstahl. Wer die Macht hat, Spiel­regeln aufzustellen, stellt Spielregeln auf, die ihn gewinnen lassen. Es ist nicht zu erwarten, dass er Spielregeln aufstellt, die ihn verlieren lassen.

IV
Raubüberfall

Will man herausfinden, wer Gesetze macht, braucht man nur die Wirkung der Gesetze zu beobachten. Diejenigen, die Wohnungen bauen, dürfen die Wohnungen, wenn sie fertig sind, nur dann benutzen, wenn sie sich verpflichten, das Fünf- bis Zehnfache ihres Wertes zu zahlen; das heißt, wenn sie sich verpflichten, fünf- bis zehn mal so lang für eine Häusergesellschaft, für Banken, Grundstücksspekulanten und Besitzer von Mietshäusern zu arbeiten, wie für die Herstellung der Wohnung notwendig war. Wenn das Volk die Macht hätte, welche nach dem Grundgesetz von ihm ausgeht, hätte es nicht Gesetze gemacht, die dieselbe Auswirkung haben wie ein Raubüberfall.

V
Vaterland, Scheißhaus

Wer im Spätsommer des Jahres 1914 seine Familie verließ, Bürger anderer Staaten umzubringen, ist gefallen für ein goldenes Scheißhaus von Krupp. Es gibt die Sammlung von Photographien eines Pazifisten der zwanziger Jahre. Die Bilder zeigen zerschossene Gesichter überlebender Soldaten. So ein Anblick ist eine Seltenheit, weil diese Verwundeten kaum ihre Wohnungen verlassen, um andere Menschen nicht mit ihren Entstellungen zu erschrecken. Wer so ein Gesicht tragen muss, der hat mit seinem »Einsatz fürs Vaterland« den Besitz eines Fabrikbesitzers vergrößert, und damit dessen Macht – sonst nichts. Er hat Absichten verwirklicht, die nicht seine eigenen waren. Sein Einverständnis mit seiner Handlung beruhte auf Täuschung. Es war nicht sein Interesse, sich das Gesicht zerhacken zu lassen für das goldene Scheißhaus eines Mächtigen.

VI
Ausweg

Wir müssen die Lehrpläne so verändern, dass in den Schulen keine Untertanen mehr hergestellt werden können.

VII
Freiheit

Wer sich angewöhnt hat, Fragen zu stellen, ist ein schlechter Unterdrückter.

 

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 49

3 Minuten

Protestkunst Brennstoff

1000 GESTALTEN – legt eure Panzer ab!

1 Minute

Essai Ursula Baatz

Gott Mammon oder Kapitalismus als Religion

3 Minuten

Essai Götz Eisenberg

Das Geld und die Seele des heutigen Menschen

9 Minuten

Lyrik Basilius der Große

Rede an die Reichen

1 Minute

Essai Fabian Scheidler

Tribut

6 Minuten

Buchauszug Urs Widmer

Midas

2 Minuten

Essai Karl-Heinz Brodbeck

Die unheimliche Nähe des Geldes

6 Minuten

Rede Gregor Gysi

Der Prophet

9 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Der Mammon zieht um – die Ungleichheit bleibt

4 Minuten

Short Cuts Ernst Alexander Rauter

Die Macher

3 Minuten

Interview Ulrich Brand und Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Gespräch)

3 Minuten

Buchrezension Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Buch)

4 Minuten

Essai Roland Rottenfußer

Heute Griechenland, morgen wir

10 Minuten

Interview Paul Schreyer und Jens Wernicke

Wer regiert die Welt?

10 Minuten

Essai Barbara Rauchwarter

Mammon

5 Minuten

Essai Barbara Rauchwarter

Luthers Kritik am Mammonsystem

8 Minuten

Essai Christian Wabl

Wer läßt Mammon vom Himmel regnen?

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Freie Menschen statt »freier« Markt

3 Minuten

Afrika-Projekte Heini Staudinger und Bernhard Wagenknecht

Books for Trees

3 Minuten

Buchauszug Walter Ötsch und Nina Horaczek

Populismus für Anfänger

2 Minuten

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