Der Fluch des Reichtums

Afrika ist der reichste Kontinent, da gibt es alle Bodenschätze. Die gehören an sich den Leuten, die dort wohnen, aber sie werden ausgebeutet von zehn internationalen Konzernen, die den Profit auf der ganzen Welt für sich zusammenholen, und die Europäische Union subventioniert ihre Agrarexporte. Auf dem Gemüsemarkt im Senegal gibt es zu 80 Prozent holländische Tomaten. Wir regen uns darüber auf, wenn die Leute zu uns kommen wollen, nachdem wir selber die Existenzgrundlage dieser Menschen zerstört haben.

HEINER GEISSLER, geboren am 3. März 1930,  deutscher Politiker (CDU). Er war von 1982 bis 1985 Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit. Besonders während seiner Zeit als als Generalsekretär der CDU 1977 – 1989 fiel Geißler öfter durch polarisierende, teilweise stark abwertende Äußerungen über die politische Linke auf. In den letzten Jahren sorgte seine Wendung zu tendenziell linken Positionen, vor allem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, für beträchtliches Aufsehen, insbesondere, als er im Jahr 2007 der globalisierungskritischen Organisation attac beitrat.


Noch immer subventioniert die EU den Export von Agrarprodukten. So gelangen, nur zum Beispiel, EU-Tomaten auf die lokalen Märkte in Afrika. Die Tomaten aus Europa sind billiger, als die einheimischen Kleinbauern produzieren können. So bleiben diese auf ihrer Ernte sitzen und gehen pleite. Auf diese Weise zwingt die EU mit ihren Export­sub­ventionen viele Kleinbauern auf dem schwarzen Kontinent, ihre Land­wirtschaft aufzugeben. Auf der Suche nach Arbeit und Einkommen zieht es viele Ex-Kleinbauern in die Städte, wo sie und ihre Familien dann die Slums überbevölkern. Das Smartphone hat längst auch hier Einzug gehalten. Es liefert Bilder vom guten Leben im reichen Norden in die Hütten der Elen­den. Die Fittesten und Mutigsten machen sich auf und davon und wagen die lebensgefährliche Flucht nach Europa. Vielleicht schaffen sie es und können dann ihre Familien in Afrika versorgen. Wenn sie Glück haben, überleben sie die Über­fahrt in alten, kaum seetauglichen Kuttern. Wenn sie noch viel mehr Glück haben, finden sie in Südspanien oder Süditalien sogar Arbeit. Vielleicht schuften sie dann für Sklavenlöhne bei der Tomatenernte. Was von der Ernte in Europa nicht verkauft werden kann, wird »dank« Agrarexportsubvention wieder dorthin abgeschoben, woher all die vielen Wirtschaftsflüchtlinge, die hier keiner haben will, kommen.

MOREAU


Die Unterscheidung zwischen politischen Flüchtingen und sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen ist doch eine Heuchelei. Im Grunde ist doch die Wirtschaft eines Landes die Folge der Politik. Auch ein Wirtschaftsflüchtling ist also ein politischer Flüchtling. Man kann das eine nicht vom anderen trennen.

HEINRICH BÖLL (1917–1985), Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger (1972)


Wir können Schlimmeres verhindern, wenn wir uns entscheiden, bewusst und verant­wortungsvoll zu leben. Wenn wir unser Verhalten nicht ändern, wird unser Planet weiter zerstört. Den Menschen werden die Lebensgrundlagen entzogen, die Gesellschaft kommt ins Wanken. Die meisten Konflikte sind Nebeneffekte unseres Wirtschaftsmodells, das so gierig nach Rohstoffen ist, dass es anderen die Ressourcen stiehlt. Und die Bestohlenen werden sich erheben. Man hat eine ökologische Zeitbombe und die ökonomische – und man weiß nicht, welche zuerst explodiert. (…) Ich habe schon viele Pflanzensamen gesammelt. Und je verzweifelter ich werde, umso mehr Samen sammele ich und setze sie ein. Und eines ist sicher: Der Drang in mir, biologische Vielfalt zu wahren, örtliche Landwirtschaft zu schützen und den ärmsten Menschen ihre Lebensgrundlagen zu sichern, wächst proportional mit der Zerstörungswut der globalen Wirtschaft.

VANDANA SHIVA, Wissenschaftlerin, Sozialaktivistin, Globalisierungskritikerin und Trägerin des Right Livelihood Awards, des Alternativen Nobelpreises (1993)

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