Ausgabe 49

»Niemand kann zwei Herren dienen: Ent­weder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen UND dem Mam­mon.« (Matthäus 6, 24). Ich weiß, Texte aus der Bibel sind in unserer Konsumgesellschaft nicht sonderlich gefragt. Manche reagieren richtig allergisch. Drum eine Bitte: bitte folgt diesen Gedanken ein Weilchen. Ich finde, sie sind es wert.

Der Mammon, der Konsum, ist der moderne Gott. Er spielt in unserer modernen Welt die Hauptrolle. Und doch spüren wir es alle: er erfüllt unser Leben nicht. Er gibt keine Antwort auf die tieferen Fragen des Menschseins. In entscheidenden Momenten lässt er uns allein.

Meister Eckehart, der große deutsche Mystiker, meinte, Gott ist das Sein, Gott ist die Gerechtigkeit, Gott ist die Wahrheit, Gott ist die Liebe … und gleichzeitig sagt er, Gott gibt es gar nicht, es sei denn, er lebt IN DIR.

Nun stelle man sich vor, die Suche nach Gott wäre dasselbe wie die Suche nach Gerechtigkeit, die Suche nach Wahrheit, nach Liebe, nach dem Sein und dem Leben selbst und diese Suche stünde ganz und gar im Zentrum unseres Strebens. Streben – schon wieder ein unmodernes Wort, aber ihr wisst, was ich meine. Wir haben Sehnsucht nach all diesen wirklichen Werten, aber im Alltag lassen wir uns fressen von den sogenannten Sach-zwängen und vom Mammon. Denn oft genug ist der Mammon der Chef dieser Zwänge.

Meister Eckehart sagt auch, dass uns gleich mit der Geburt ein Gespür für diese großen Werte ins Herz gelegt worden ist. Alle kennen die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Liebe … ich bin überzeugt, dass selbst der größte Ganove manchmal – vor dem Einschlafen – nagend – den Unterschied zwischen Betrug und Gerechtigkeit spürt.

Außerdem glaube ich, dass wir in der Tiefe unseres Herzens auch ein Gespür für die Wahrheit haben und, wenn wir nur wollen, sehr genau zwischen Blödsinn und Sinn unterscheiden können. Sokrates meinte, seine innere Stimme sage ihm nicht genau, was die Wahrheit sei, aber sie warne ihn in entscheidenden Augenblicken vor allerlei Blödheiten.

Ich weiß, im Getöse der Konsumgesellschaft ist es nicht so leicht, diese innere Stimme zu hören. Dort regiert der Mammon. Und doch macht es Sinn, die Not-wendende Stille zu suchen und auf die innere Stimme zu horchen, denn nicht der Mammon, sondern nur das echte Leben macht Freude. Dem Lebendigen zu dienen macht Sinn.

Das meint im Ernst
HEINI STAUDINGER

Unsere Weisen predigen uns nach wie vor: Das Maß des Wohlstandes ist das Bruttosozialprodukt, auch Wertschöpfung genannt – und dieses Maß muss wachsen. Gleichbleibender Wohlstand ist als Unglück anzusehen! Was steckt hinter solcher Begriffsverwirrung? Man möchte fast auf Schwachsinn tippen – aber es ist ja die ganze aufgeklärte, wissenschaftlich gebildete Gesellschaft, die diese Idee zu Ihrem heiligsten Dogma erhoben hat!
PETER KAFKA

Zu einer eigentlichen Gemeinschaft, das sollten wir nicht vergessen, gehört ein Gemeinwesen: ein Ort, Ressourcen, ein Wirtschaftskreis. Es erfüllt sowohl die materiellen als auch die sozialen und spirituellen Bedürfnisse seiner Mitglieder – darunter auch das Bedürfnis, beachtet und gebraucht zu werden. Die Antwort auf die heutige Allianz von politischer Macht und Reichtum ist die Wiederherstellung der Einheit von Gemeinschaft und Wirtschaft.
WENDELL BERRY

 

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 49

3 Minuten

Protestkunst Brennstoff

1000 GESTALTEN – legt eure Panzer ab!

1 Minute

Essai Ursula Baatz

Gott Mammon oder Kapitalismus als Religion

3 Minuten

Essai Götz Eisenberg

Das Geld und die Seele des heutigen Menschen

9 Minuten

Lyrik Basilius der Große

Rede an die Reichen

1 Minute

Essai Fabian Scheidler

Tribut

6 Minuten

Buchauszug Urs Widmer

Midas

2 Minuten

Essai Karl-Heinz Brodbeck

Die unheimliche Nähe des Geldes

6 Minuten

Rede Gregor Gysi

Der Prophet

9 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Der Mammon zieht um – die Ungleichheit bleibt

4 Minuten

Short Cuts Ernst Alexander Rauter

Die Macher

3 Minuten

Interview Ulrich Brand und Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Gespräch)

3 Minuten

Buchrezension Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Buch)

4 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Freie Menschen statt »freier« Markt

3 Minuten

Afrika-Projekte Heini Staudinger und Bernhard Wagenknecht

Books for Trees

3 Minuten

Buchauszug Walter Ötsch und Nina Horaczek

Populismus für Anfänger

2 Minuten

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