Afrika

Im Jahr 1890 schrieb George W. Wil­liams einen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Willi­ams war afro-amerikanischer Staatsbür­ger. In gewisser Weise war er einer der Wegbereiter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Vor seiner Reise nach Afrika traf er den amerikanischen Präsidenten Benjamin Harrison. Er unterrichtete diesen von seinen Plänen, z.B. schwarze Amerikaner zur Arbeit nach Afrika zu entsenden. Doch das, was er im Kongo erlebte, war völlig anders als das, was Leopold II, König der Belgier, über den Kongo verbreitete. Williams wird Zeuge von schrecklichem Macht­missbrauch. Sklavenhandel, Zwangs­arbeit, Frauen­miss­brauch standen auf der Tagesordnung.

Nachdem Williams persönlich das Elend der Sklaverei und des Sklavenhandels erlebt hatte, schrieb er einen Brief von höchster Dringlichkeit an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Darin rief Wil­liams dazu auf, diese »tyrannische und grausame Re­gierung« durch ein neues Herrschaftssystem zu er­setzen, das »afrikanisch und nicht europäisch, international und nicht national, gerecht und nicht grausam« sein sollte. Und er schrieb von einem »Verbre­chen gegen die Menschlichkeit«.

Im Jahr 2016. Wir alle wissen, dass bei den Selbst­mord-Attentaten in Brüssel 35 Men­schen umgekommen sind. Bei den Anschlägen in Paris kamen 130 Menschen ums Leben. Was wir aber nicht wissen ist, dass im Osten vom Kongo seit den 1990iger Jahren der grausamste Krieg seit dem II. Weltkrieg tobt. Dieser Krieg »nährt sich« durch die wertvollen Mineralien, die – für die Menschen dort unglücklicherweise – in ihrem Boden gefunden werden. Für Coltan/Tantal (brauchen wir für die Handys) geht diese »unsere!?« Wirtschaft buchstäblich über Leichen. Dieser Krieg forderte bis jetzt mehr als 6 (in Worten sechs) Millionen Tote. Das sind auf 17 (siebzehn) Jahre umgerechnet ziemlich genau 1.000 (tausend) Todesopfer pro Tag.

Brief an die Präsidenten. Für uns, BürgerInnen der Zivilgesellschaft, ist es unerträglich, ein Gliedchen in dieser mörderischen Kette dieser Wirtschaft zu sein, für die es »billiger« ist, im Kongo täglich tausend To­des­opfer in Kauf zu nehmen als ein Ressourcen-schonendes Recycling-System aufzubauen.

Für uns, die BürgerInnen der Zivigesellschaft, ist es unerträglich, dass Milchpulver aus Europa (auch aus Österreich und Deutschland, produziert mit Soja aus Brasilien, subventioniert mit unseren Steuergeldern) Milchbauern in Afrika um ihre Einkommens­möglich­keit bringt, weil mit den Dumpingpreisen von »unserem« Milchpulver die regionalen Märkte kaputt ge­macht werden.

Für uns ist es unerträglich, dass ArbeiterInnen in der äthiopischen Schuh- und Textilindustrie für zehn Cent die Stunde arbeiten, dass Frauen in giftverseuchten Glashäusern Schnittblumen für unsere Festtagstafeln ziehen (links im Bild die Auswirkungen dieser Gifte auf die Kinder der schwangeren Arbeiterinnen).

Wir könnten diese Liste schier endlos fortsetzen, wollen aber mit unserem Bruder im Geiste, George W. Williams, der aus dem Kongo in einem Brief an den amerikanischen Präsidenten vom »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« sprach, den »Präsidenten der Welt« zurufen, dass wir zu dieser ungerechten Wirtschaft NEIN sagen. Die »Vorteile«, die uns diese Wirtschaft beschert, sind zu teuer erkauft. Unbeschreiblich das Unrecht und das Leid der Betroffenen, aber auch wir, die Nutznießer dieser Ungerechtigkeiten, erleiden Scha­­den, Schaden an unseren Seelen.
Drum lasst uns innehalten und tatkräftig daran arbeiten, dieses tyrannische und grausame System durch ein neues, kooperierendes und menschliches Wirt­schafts- und Handelssystem zu ersetzen, das gerecht sein soll und nicht grausam.

Ich weiß, unsere Forderungen klingen romantisch und wirklichkeitsfremd. Und doch ist es so, dass wir uns – in diesem herrschenden System, im immer schärfer werdenden, globalen Wettbewerb – alle kaputt machen werden, es sei denn, wir besinnen uns und lenken ein in eine lebensbejahende, gemeinwohlorientierte Wirt­schaft.

Möge die Übung gelingen!

HEINI STAUDINGER und SYLVIA KISLINGER

P.S.: Wir freuen uns, dass wir mit den Spenden unserer LeserInnen und KundInnen ein Zeichen der Verbun­den­heit in Afrika setzen dürfen. Es ist uns klar, dass wir die großen Probleme nur durch gerechtere Wirt­schaftsbeziehungen lösen können. Und doch machen eure Spenden den Menschen in unseren Projekten in Afrika Mut. Sie helfen, die Schwierigkeiten besser zu meistern – z.B. durch Brunnen, durch Schulen, durch einfache medizinische Versorgung …

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 44

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