Afrika – quo vadis?

Ich erzähle es immer wieder, dass ich Afrika so viel zu verdanken habe.

Ich hatte das Glück, schon 19-jährig nach Afrika zu kommen. Fernab der europäischen »Zivilisation« durfte ich die Lebendigkeit Afrikas in einer Unmittelbarkeit erleben, dass mir heute noch dankbar und staunend der Mund offen bleibt. Es war nicht alles schön. Nein, die Not war manchmal erschütternd. In Afrika ist die Not, wo sie ist, auch unmittelbar. Bei uns ist die Not oft unsichtbar (Einsamkeit der Alten, Not der Alleinerzieherinnen, Psychopharmaka zur Alltagsbewältigung, Kinderverwahrlosung vor dem Computer … ). Auf der anderen Seite lebt in Afrika die Freude, das Lachen, die Musik, das Tanzen, die Großzügigkeit, die Gastfreundschaft, die Wüste, der Dschungel und die Zeit, die immer und überall für alle in gleicher Weise da war. Zeit als Geschenk des Himmels. Immer wieder und immer wieder, in voller Intensität. Zeit – für alle verfügbar. Ein Geschenk für alle.

Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht dass sie bleibt. ERICH FRIED

Einmal wartete ich in einem Dorf auf einen Autobus. Er fuhr nur 1 Mal pro Woche. Er kam nicht. Langsam sprach es sich herum, der Bus würde diese Woche gar nicht kommen, nächste Woche käme er gewiss. Niemand war verärgert. Manche freuten sich sogar. In dieser geschenkten Woche könnten sie Freunde und Verwandte besuchen, die sie eh schon länger nicht gesehen hatten. Eine Woche später kam der Bus. Er war sehr voll. Selbstverständlich bekam ich einen Sitzplatz. In jedem Ort, wo der Bus stehen blieb, kauften mir die Mitreisenden Geschenke. Süße Köstlichkeiten, Früchte, Schmuck und andere kleine Freuden. Schließlich wurden die Geschenke soviel, dass ich mehr Platz brauchte. Drum machten mir die Mitreisenden einen zweiten Sitzplatz frei. Als auch dieser mit Geschenken voll war, fing ich an, sie weiterzuschenken. Meine Freigiebigkeit animierte viele Mitreisende erst recht, mich weiter zu beschenken, bis es im Bus nur mehr Beschenkte gab. Alle strahlten, als wir in der Stadt ankamen.

Wer je dieses Afrika erlebt hat, leidet mit, wenn er vom Wahnsinn erfährt, der heute dort tobt. Afrika, der mit Abstand reichste Kontinent der Erde, wird von einer Meute skrupelloser, geldgieriger Kapitalisten und korrupter Kollaborateure ausgebeutet. Je reicher die Bodenschätze, umso schlimmer ist das Elend, umso schlimmer die Katastrophe. Coltan, Kupfer, Gold … sechs Millionen Tote im Wirtschaftskrieg im Osten vom Kongo. Erdöl in Angola, im Südsudan, in Äquatorialguinea. Überall schreckliche Not. Das Buch »Fluch des Reichtums« von Tom Burgis beschreibt präzise, wie diese Gaunereien laufen, wie sie funktionieren. Sechs Jahre lang war er in Afrika den Konzernen und ihren Helfershelfern auf den Fersen. Er schreibt, was er selbst erlebt und geprüft hat. Nach diesem Buch weiß man, dass Heiner Geißler Recht hat, wenn er sagt, im Wesentlichen sind es zehn internationale Konzerne, die diese Ausbeutung »vollstrecken«.

Ungeheuer ist vieles, nichts ist ungeheurer als der Mensch.SOPHOKLES IN ANTIGONE ( 442. v. Chr.)

Wir, wir sitzen am anderen Ufer. Wir sitzen dort, wo die Bodenschätze verbraucht werden. Immer mehr. Immer noch mehr. Wie Rauschgiftsüchtige hängen wir an der Nadel des Konsums und machen uns mitschuldig am Elend Afrikas. Und doch ist es so, davon bin ich fest überzeugt, dass eine große Mehrheit der Menschen in Europa mit diesem gnadenlosen Kurs nicht einverstanden ist. Wir können uns bemühen, nachhaltiger zu leben, regionaler einzukaufen, aber wir haben es nicht in der Hand, diese schreckliche Ausbeutung Afrikas zu stoppen. Ja, wir können überall protestieren (das sollen wir auch), und doch wird dies die hartgesottenen Verbrecher nicht erweichen. Ja, wir können spenden. Mit unseren Spenden können wir den Diebstahl und das Unrecht sicher nicht wieder gut machen, aber wir können damit unserer Verbundenheit mit den Menschen in Afrika einen glaubwürdigen Ausdruck verleihen. Geben wir, soviel wir können, damit unsere Freunde, sie sind unsere Geschwister auf dieser Erde, uns glauben, dass es in unserer Zivilgesellschaft Menschen gibt, die mit ihnen mitleiden. Geloben wir, dass wir, wo immer wir können, uns einmischen in dieses Geschehen, um die Not zum Besseren zu wenden.

 

Weiterführendes zum Thema

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 47

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Kommentar Moreau

Quo Vadis?

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Kommentar Moreau

Ein Leben für den Irrtum

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Kommentar Heini Staudinger

Endlich! Endlich! Rückenwind

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Manifest Brennstoff Redaktion

Maimanifest 2015

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Essai Dr. Wilfried Ehrmann

Quo vadis Gesundheit

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Short Cuts Moreau

Die Wahrheit ist ein pfadloses Land

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Interview Rainer Wisiak

SagMeister

6 Minuten

Buchauszug Martin Buber

Der Weg des Menschen

3 Minuten

Kommentar Ewald Grünzweil

Diese Wirtschaft tötet

3 Minuten

Reportage Heini Staudinger

Afrika – quo vadis?

3 Minuten

Short Cuts Brennstoff Redaktion

Der Fluch des Reichtums

3 Minuten

Kommentar Christian Felber

Ethisch handeln

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