Afrika hat Pech und das Pech hat viele Namen

BRENNSTOFF 48

Tausend Tote jeden Tag – 17 Jahre lang. Der Osten vom Kongo gehört zu den schöns­ten und fruchtbarsten Land­stri­chen der Welt. Die Leute dort hatten al­les. Jetzt haben sie vor allem Pech, denn ihr Boden ist reich an Bodenschätzen. Der Wirt­schafts­krieg um diese Bo­den­schätze, im Besonderen um Col­tan, hat bisher sechs Millionen Menschen das Leben gekostet – denn wir brauchen Coltan für unsere Han­dys. Col­tan – Pech für Afrika!

Klimawandel. In weiten Teilen Ostafrikas herrscht zur Zeit bittere Dürre. Der weitaus größte Teil der Be­völkerung lebt von der Landwirtschaft und von der Vieh­zucht. Ohne Regen gibt der Boden nichts her, ohne Weiden verenden die Tiere. In Kenya z.B. ist mehr als die Hälfte des Viehbestandes zugrunde ge­gangen. So kommt die Hungersnot … Warum bestraft der Klimawandel die, die ihn am wenigsten verursacht haben? Klimawandel – Pech für Afrika!

Zehn Cent die Stunde. Die Chinesen machen 60% aller Schuhe auf der Welt (zwölf Milliarden Paa­re). China wird nun immer teurer. Äthiopien ist verlässlich billig. Während die einen für zehn! Cent (0,10 Euro) die Stunde arbeiten, hängen junge Arbeitslose in Addis Abe­ba sinnlos herum und schauen sich im Smart­phone an, wie dekadent wir leben. Noch etwas finden sie im Smartphone ganz easy – die »Wander­route« nach Europa. Das Globale Wirtschaftssystem – Pech für Afrika!

Euro-Tomaten und … 80% der Tomaten am Ge­müse­markt in Senegal kommen aus Europa – Pech für die dort lebenden Bauern. Fischereikonzerne fischen die Meere entlang der afrikanischen Küsten leer – Pech für die kleinen, einheimischen Fischer. Zehn internationale Konzerne beuten Afrikas Bodenschätze aus. Der Profit fließt statt zu den Menschen in Afrika in Kon­zernzentralen und in dunkle Kanäle. EU subventionierte Landwirtschaft – Pech für Afrika.

Das Pech hat einen gemeinsamen Nenner – Unge­rech­tigkeit und Gier. Seit 1973 fühle ich mich Afrika in Dankbarkeit verbunden. Auf meiner Reise mit dem Moped durch Afrika habe ich gelernt, dass es im Leben nichts Wichtigeres gibt als das Leben. Bei uns hat man oft das Gefühl, als wäre das Wichtigste im Leben das Geld, das Auto, das Haus oder die Wohnung und dann natürlich die Kinder; und wenn die Kinder diese Rei­henfolge begreifen, dann sind alle zufrieden. Nein. Das Wichtigste im Leben ist das Leben selbst. Das begriffen zu haben – dafür will ich dem Leben bis zum Sterben danken.

Natürlich sollen wir spenden. Vor allem dann, wenn wir (mehr als) genug haben. Angesichts der irren Not können wir in unserer Rat- und Hilflosigkeit mit Spen­den wenigstens ein Zeichen der Verbundenheit setzen.

Bei meinen Vorträgen sage ich immer, dass ich von meiner Arbeit leben könne, drum brauche ich keine Gage. Es würde mich aber freuen, wenn sie (die Zu­hörer) etwas ins Afrika-»Kistl« werfen würden. Letzte Woche war ich auf Tournee. In Summe kamen mehr als zehntausend Euro für Afrika zusammen. In einem dieser Vorträge habe ich über die Banken geschimpft (ohne Zweifel gibt es dort auch nette und anständige Leute), über die FMA (Finanzmarktaufsicht) und auch über die Bankenrettung (wäre die Erde eine Bank, sie würde gerettet werden). Anschließend gab mir ein Bank­direktor aus seiner Brieftasche 1000 Euro »für Afrika«. Er wolle ein Zeichen der Verbundenheit setzen – von Mensch zu Mensch. Die große Not in Afrika kön­nen wir so natürlich nicht besiegen. Wir können aber in manchen – der Gemeinschaft dienenden – Pro­jekten helfen und dort und da die Not lindern:

Kamele gegen die Not in den Zeiten der Dürre. Kame­le geben in Zeiten der Dürre noch immer zehn Liter Milch am Tag. So wird jedes Kamel zur Lebensversi­che­rung für eine relativ große Familie.

Books for trees. Es war die Idee von Bernhard Wagen­knecht, er ist Lehrer an der Gartenbauschule Schön­brunn, die Wiederaufforstung in Afrika zu unterstützen. Schüler pflegen in der Schule die jungen Bäum­chen so lange, bis diese stark genug sind, die Ver­pflanzung in ihre Heimatdörfer auszuhalten. Sylvi und ich waren dort. Alle – die Schüler, die Lehrer, die El­tern – arbeiten mit. Das Projekt ist supererfolgreich. Die »Früchte« unserer Aktion, nämlich die vielen Bäu­me, sieht man sogar schon in Google Earth. Für diesen Dienst an Mutter Erde bekommen die Schüler die Schul­bücher gratis.

Sauberes Wasser. Vor nicht langer Zeit kamen 10.000 Euro auf unser Afrika Konto. Wir dachten, das müssen reiche(re) Leute sein. Wir haben uns kräftig getäuscht. Es waren ältere, bescheidene Leute. Sie sagten, sie wollt­en aus Dankbarkeit, dass sie ihr ganzes Leben lang sauberes Wasser hatten, einen Brunnen stiften. Der Brunnen wird demnächst fertiggestellt werden. Er wird den Gemüsegärten und »unserem« Auffors­tungs­pro­gramm dienen. Danke. Vergelt’s Gott.

Parallel zu dieser Form der Hilfe gelobe ich, dass ich überall gegen dieses ungerechte Welt­wirtschaftssystem protestieren werde und dass ich mich, wo im­mer es mir möglich ist, diesem ungerechten System entgegenstelle. Dietrich Bonhoeffer würde sagen, dass es ein Gebot des Christen­menschen ist, sich dem Rad in die Speichen zu werfen; diesem Rad des ungerechten und zerstörerischen Weltwirt­schaftssystems.HEINI STAUDINGER

Weiterführendes zum Thema

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 48

2 Minuten

Buchauszug Gerald Hüther und Christa Spannbauer

Ein Plädoyer der Verbundenheit

3 Minuten

Essai Elisabeth Schrattenholzer

Wir, die Weltbevölkerung

3 Minuten

Essai Fabian Scheidler

Der Stoff, aus dem die Träume sind

4 Minuten

Essai Konstantin Wecker

Revolution der Zärtlichkeit I

5 Minuten

TED-Vortrag Papst Franziskus

Revolution der Zärtlichkeit II

8 Minuten

Buchauszug Harald Welzer und Ilija Trojanow

Jede Menge Handlungsspielräume

2 Minuten

Interview Jean Ziegler und Alexander Behr

Der schmale Grat der Hoffnung

24 Minuten

Essai Ursula Baatz

Die Schatten des Wir

4 Minuten

Buchauszug Johann Wolfgang von Goethe

Nur alle Menschen machen die Menschheit aus

1 Minute

Essai Huhki Henri Quelcun

Gegen die drohende Bytokratie!

7 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika hat Pech und das Pech hat viele Namen

4 Minuten

Lyrik John Donne

No man is an island

1 Minute

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