Achtsamkeit in Dichtung und Traum für ein Menschwerden

Meine Geschichte mit Ingeborg Bachmann

Seit meiner frühen Jugend beseelt mich eine tiefe Achtung und Beachtung für die Dichtung. Damals ahnte ich ihre große Bedeutung mehr, als dass ich gewusst hätte, warum sie mich be- geistert. Erst später, durch die Tiefenpsychologie, die heute mein Leben wesentlich bestimmt, erkannte ich, dass Dichter in lyrischer Form über unser Werden und Wachsen als Mensch sprechen. Nun geht es in meiner analytischen Begleitung vornehmlich um ein sorgfältiges Beachten eines unbewussten Wandlungsprozesses. Erst die Achtsamkeit bewirkt unser eigentliches Reifen. Die Dichtung ist mir im Verstehen des inneren Geschehens, Schatten zu wandeln und Licht zu schöpfen, unverzichtbare und beglückende Begleiterin geworden.

Ganz besonders die Dichterin Ingeborg Bachmann fordert mich in ihrer visionären Schau auf das Äußere und Innere und auf die Welt immer wieder neu zu Achtsamkeit heraus. Speziell ihr Text Jugend in einer österreichischen Stadt hat mich tief berührt und zu neuen Erkenntnissen hingeführt. Für mich ist dieser Text ein wahrhaftiger Meditationstext.

An schönen Oktobertagen kann man, von der Radetzkystraße kommend, neben dem Stadttheater eine Baumgruppe in der Sonne sehen. Der erste Baum, der vor jenen dunkelroten Kirschbäumen steht, die keine Früchte bringen, ist so entflammt vom Herbst, ein so unmäßiger goldner Fleck, dass er aussieht, als wäre er eine Fackel, die ein Engel fallen gelassen hat. Und nun brennt er, und Herbst- wind und Frost können ihn nicht zum Erlöschen bringen…

Ingeborg Bachmann schreibt ihre Vision als eine von der Radetzkystraße Kommende. Geht sie hier schon auf ihre Bestimmung zu, von der sie nicht nur für ihr Werk erfüllt war: mit ihrer Gabe zu schreiben, Kriege zu verhindern und Frieden zu schöpfen? Brannte in ihrem Anschreiben gegen die Verdrängung der menschlichen Destruktivität, die zu kriegerischer Auseinandersetzung führt und die für sie schon in den Beziehungen beginnt, diese Lebensaufgabe, die ein Engel fallen gelassen hat? Oder brennt diese vielmehr in ihrer Schau einer Utopie, dass wir zur Liebe Begabte sind und unsere Hände die Güte eines Tages weitergeben werden wie eine Fackel weitergegeben wird? Und will die Dichterin diese auch in uns entzünden als ein Brennen, das Herbstwinde und Frost des Lebens nicht zum Erlöschen bringen?

Das Volk braucht Poesie wie Brot.SIMONE WEIL

Dann wäre unsere Bestimmung, die Fähigkeit zu unserer Begabung, immer Liebendere zu werden, zu verwirklichen und diese mit unserer ganz persönlichen Gabe in die Welt zu bringen. Diese besondere Begabung gleicht dem Samenkorn, das einen »ersten Baum« verwurzelt. Und er sieht aus wie ein goldener Fleck, der zu seiner besonderen Entfaltung drängt, wie in uns selbst und einem humanen Weltenlauf. Ich möchte mich hier auf diesen ersten Baum gedanklich achtsam einlassen.

Die Vision der Dichterin Ingeborg Bachmann zum Sinnbild des »ersten Baumes« lese ich in den Raunächten zwischen Weihnachten und Neujahr in dem Buch »Bilder aus ihrem Leben«. Das Buch ist ein Weihnachtsgeschenk von einer Freundin. Die Verse aus »Jugend in einer österreichischen Stadt« begeistern mich sofort und sind bis heute für mich ein zu ergründendes Geheimnis geblieben. Im achtsamen Lesen und Betrachten dieser lyrischen Gedanken bin ich ihm aber mit der Zeit immer näher gekommen – aber noch lange nicht nahe genug …

Wer möchte drum zu mir reden von Blätterfall und vom weißen Tod, angesichts dieses Baums, wer mich hindern, ihn mit Augen zu halten und zu glauben, dass er mir immer leuchten wird wie in dieser Stunde und das Gesetz der Welt nicht auf ihm liegt?

In ihren weiteren Versen berührt Ingeborg Bachmann grundsätzlich die Frage an den Sinn des Lebens. Wo- her komme ich? Was ist meine Bestimmung hier und wohin werde ich gehen? Die Dichterin schenkt uns in dieser künstlerischen Schau die neue Wurzel eines Wachsens, das Zeitliches und Zeitloses miteinander vereint. Woher die Künstlerin kommt, beschreibt die Dichterin nur andeutungsweise und vage mit dem örtlichen Hinweis »Radetzkystraße«, aber umso intensiver widmet sie sich dafür dem Jetzt, dem sie begegnet: einem Baum, der so entflammt ist vom Herbst, dass er aussieht wie ein »gold’ner Fleck«, den sie nur einem Engel zuschreiben kann, der ihn fallen ließ. Sie nennt ihn den »ersten Baum«.

Tragen wir diesen »ersten Baum« alle als menschliche Berufung in uns, Mensch zu werden, unser Licht zu schöpfen und die Schatten zu wandeln? Liegt nicht darin ein heilsames Samenkorn in uns allen, das zu einem Wachsen drängt, das uns mit Lebendig-sein und Sinn erfüllt? Ja, ein neues Werden will sich in uns entzünden, denn die innere Unruhe bewegt uns bis zum letzten Atemzug und wir wollen der Achtsamkeit des Herzens entgegenwachsen. Ingeborg Bachmann verheißt uns dieses zeitlose Verwurzelt-sein noch in einigen anderen Gedichten und auch Prosatexten.

Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wiedererwecken, ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen um an den Schlaf der Menschen rühren zu können. Wir schlafen ja, sind Schläfer, aus Furcht, uns und unsere Welt wahrnehmen zu müssen.INGEBORG BACHMANN

Diese Begabung gleicht der Geburt eines göttlichen Kindes, die wir zu Weihnachten feiern. In ihm ist uns die Möglichkeit eines neuen Werdens aus der Achtsamkeit des Herzens geschenkt. Ja, wir dürfen mit den Visionen unserer Dichter und den Erfahrungen der Tiefenpsychologie davon ausgehen, dass wir zu dieser Verwandlung zwischen unserem doppelten Ursprung Bestimmte sind. Einem Leben, das wir aus dem Blickwinkel einer in Dankbarkeit ausgereiften Schau auf seine Ganzheit, Schönheit und Schmerz versuchen zu bestehen und schließlich zu feiern. Und indem wir unsere Gabe zum Wohle aller teilen, könnte dieses unser Antworten auf das Geschenk sein.

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.INGEBORG BACHMANN

Der Baum ist Sinnbild dieses neuen Wachsens im Innen und Außen und entzündet sich in jeder tieferen Erkenntnis gleich dem Entzünden eines Lichtes zur Weihnacht.
Ingeborg Bachmann möchte ihren »ersten Baum« jedenfalls mit den Augen halten und glauben, dass er immer leuchten wird und dass das Gesetz der Welt nicht auf ihm liegt. Sie weckt darin unsere Achtung, ihn zu beachten und zu achten.

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